Wolfgang Pätsch unterstützt Ärzte-Forderung nach Verkaufsstopp
Alkoholshops statt Tankstellen Wolfgang Pätsch aus Selm unterstützt Ärzte-Vorschlag
von Daniel Reiners, Volontär, 29.05.2026 09:00 Uhr, Ruhr Nachrichten
Ärzte wollen Hochprozentiges aus Supermärkten, Tankstellen und Kiosken verbannen. Suchtpräventionsarbeiter Wolfgang Pätsch bewertet den Vorschlag aus eigener Erfahrung.
Darum geht’s:
– Wolfgang Pätsch kritisiert die leichte Verfügbarkeit von Alkohol in Supermärkten
– Er befürwortet die Forderung des Ärzteverbands Marburger Bund, hochprozentige Getränke nur in Alkoholshops zu verkaufen
– Mehr Aufklärung und politische Konsequenzen könnten den Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen reduzieren
Er befinde sich aktuell in Ostfriesland, wo er Freunde besuche. Ob es hier wohl anders sei, habe sich Wolfgang Pätsch (72) aus Selm gefragt und zuletzt kurzerhand einen Abstecher in den nächstgelegenen Supermarkt gemacht. „Nachdem ich an den langen Kaffee- und Cerealien-Schränken vorbeilief, war ich zunächst noch optimistisch.“ Doch dann sei er wieder einmal erschrocken gewesen: „Es fängt an mit Bier und Mixgetränken, eine Schrankwand, und anschließend mindestens drei Regale mit Wein und zuletzt Schnaps“, so Pätsch.
Verkauf nur noch in Alkoholshops
Pätsch, selbst trockener Alkoholiker und seit mehr als 30 Jahren abstinent, engagiert sich seit vielen Jahren in der Suchtprävention in und um Selm herum. Seine jüngste Beobachtung aus dem Urlaub hat genau jenes Thema zum Anlass, über das derzeit auch viele Ärzte in Deutschland diskutieren: die leichte Verfügbarkeit von Alkohol.
Auf seiner Hauptversammlung forderte so erst vor wenigen Tagen der Ärzteverband Marburger Bund, die größte Ärztevereinigung in Europa, dass es künftig keinen hochprozentigen Alkohol mehr in deutschen Supermärkten, Tankstellen und Kiosken zu kaufen geben solle. Stattdessen solle der Verkauf ausschließlich in lizenzierten und spezialisierten Verkaufsstellen, sogenannten Alkoholshops, erfolgen. In vielen nordischen Ländern ist ein solches Modell bereits Alltag.
Nicht nur im Urlaub, sondern auch in seiner Heimatstadt Selm, wo Pätsch mit neun Geschwistern aufgewachsen ist, von denen fünf später ebenfalls suchtmittelabhängig geworden sind und zwei mittlerweile an den Spätfolgen verstorben sind, sehe er das Problem der allzu leichten Verfügbarkeit. „Natürlich, eine Kiste Bier würde ich nach wie vor als normal im Supermarkt verorten“, sagt Pätsch. Dasselbe gelte für niedrigprozentige Mischgetränke.
Allerdings wisse er nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern vor allem durch seine zahlreichen Gespräche mit jungen Menschen, dass die schnelle Verfügbarkeit den Konsum von Alkohol verharmlose.
Vor rund 20 Jahren kam er in Kontakt mit der freien Theatergruppe „Theaterspiel“, die unter anderem mit dem Stück „Alkohölle“ durch Schulen in ganz Deutschland tourt. Hier ist er seither in vielfacher Weise involviert. Dazu kommen Gespräche mit Sekundarschülern und Förderschülern in Suchtpräventionsprogrammen im Jugendzentrum Sunshine. Gerade entlang einer zentralen Straße wie der Kreisstraße, häufig sogar ohne ordentlich durchgeführte Ausweiskontrolle, könne die schnelle Verfügbarkeit zu einer Leichtigkeit führen, die den Konsum von Alkohol verharmlose, so seine Beobachtung. „Denn wenn die jungen Menschen dann in Gruppen im Laden stehen, aber Einzelne nicht mitziehen wollen, entsteht häufig ein richtiger Zugzwang, nicht Nein sagen zu können“, so Pätsch. In seinen Gesprächen mit Jugendlichen versuche er daher, möglichst ohne erhobenen Zeigefinger schlichtweg auf die zerstörerische Wirkung der Substanzen zu verweisen. „Wenn ihr euch vornehmt, ein Glas Bier auf einer Feier zu trinken, dann ist das doch völlig in Ordnung“, so Pätsch. Sollte es anschließend jedoch eskalieren, müsse man spätestens am nächsten Tag darüber reflektieren, wie und vor allem warum es dazu gekommen sei. Die Vorstellung, dass es zukünftig Hochprozentiges nur noch in sogenannten Alkoholshops zum Verkauf geben dürfe, sieht Pätsch grundsätzlich als begrüßenswert, in der Umsetzung aber als schwierig. „Vielleicht würde es ja schon genügen, wenn es eben nicht mehr an alltäglichen Anlaufstellen wie den umliegenden Tankstellen oder Kiosken rund um die Uhr Alkohol zur Verfügung gäbe“, so Pätsch. Eine Beschränkung auf Getränkehallen mit geregelten Uhrzeiten wäre aber sicherlich ein erster sinnvoller Schritt – auch, aber natürlich nicht nur in Selm.
Und die Unterstützung des Marburger Bunds für die Gesetzespläne des Bundesfamilienministeriums, das sogenannte „begleitete Trinken“ für Jugendliche ab 14 Jahren abzuschaffen? Denn bisher dürfen Jugendliche ab 14 Jahren in Begleitung der Eltern in der Öffentlichkeit Wein, Sekt oder Bier trinken.
„Wenn ich in einer Schule in Selm sitze und höre, wie sich die Kinder über das Trinken unterhalten, dann merkt man schnell, wie früh das Thema anfängt“, sagt Pätsch.
Manche fragten sich, ab welchem Alter man Alkohol kaufen dürfe. Einer sage 16, ein anderer erzähle stolz, er trinke dank seiner „ach so lockeren Eltern“ schon viel länger regelmäßig Alkohol. Für Pätsch zeige genau das, woran es fehle: an noch mehr Aufklärung, noch mehr Zuhören und eben auch mehr Konsequenz in der Politik. Gerade seine eigene Geschichte helfe ihm dabei. Sie mache deutlich, was Alkohol anrichten könne, ohne dass er die Jugendlichen belehren müsse.